Geschlechts- und gendersensibel handeln im Schulalltag

 Ein Projekt des Städt. St.-Anna-Gymnasiums München

V. Schroll

Als reine Mädchenschule hatten wir mit wenigen Ausnahmen in jedem Jahrgang einen Leistungskurs in Physik und jeweils zwei Parallelklassen in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausbildungsrichtung. Nach Einführung der Koedukation zeigte sich auch bei uns das aus Untersuchungen in ganz Bayern bekannte Bild: Nur eine geringe Anzahl von Mädchen entschließt sich zu einem Leistungskurs in Physik und in den Klassen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausbildungsrichtung überwiegen die Buben.

Eine Studie, die unter Beteiligung unserer Schule vom Institut für Pädagogische Psychologie der Universität München an 12 Münchner Gymnasien durchgeführt wurde, zeigt, dass Mädchen und Jungen gleiche kognitive Leistungsvoraussetzungen für den Physikunterricht mitbringen, aber 

  1. Mädchen ein geringeres physikalisches Vorwissen besitzen als Jungen,
  2. Mädchen ihre physikalische Kompetenz wesentlich niedriger einschätzen als Jungen,
  3. Mädchen ein geringeres Interesse an diesem Schulfach äußern, wobei die Aussage „Physik ist nur etwas für Jungen“ auffallend hoch bewertet wird.
 
Mit welchen Maßnahmen begegnen wir am St.-Anna-Gymnasium dieser pädagogischen Herausforderung? 
  1. Getrennter Unterricht für Mädchen und Jungen in Natur und Technik im Schwerpunkt „Naturwissenschaftliches Arbeiten“ und Informatik  in der 5. und 6. Jahrgangsstufe bietet Mädchen eine gezielte Verbesserung ihres physikalischen Vorwissens. In dieser Altersstufe ist das Interesse an Physik und Naturwissenschaften allgemein bei Mädchen noch sehr groß. Mit Einsetzen der Pubertät kehren viele Mädchen der vermeintlichen Männerdomäne „Physik“ den  Rücken, weil sie offensichtlich während ihrer weiblichen Identitätsfindung in einen Rollenkonflikt geraten.
  2. In der Konkurrenzsituation mit den Jungen schätzen Mädchen ihre Kompetenz häufig geringer ein. Es geschieht in koedukativen Klassen immer wieder, dass Fragen, die die Mädchen stellen von den Jungen als dumm belächelt werden. Dies führt dazu, dass sich die Mädchen häufig zurückziehen. Deshalb führten wir im Schuljahr 1996/97 differenzierte Koedukation  im Physikanfangsunterricht ein, d.h. der Unterricht wird in geschlechtsgetrennten Gruppen durchgeführt. Ziel ist es, den Mädchen von Anfang an so viel Selbstvertrauen zu ihren eigenen Fähigkeiten mitzugeben, dass sie in den weiteren koedukativ geführten Jahrgängen die Konkurrenz mit den Jungen selbstbewusst bestehen können.
  3. Untersuchungen, die am Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel durchgeführt wurden, zeigen, dass durch geeignete didaktische Maßnahmen Physikinteressen allgemein stabilisiert werden können und das Interessendefizit der Mädchen verringert werden kann. Dazu gehört es die Jugendlichen zur Eigentätigkeit anzuregen, die behandelten Stoffgebiete in einen Zusammenhang zur Erlebnisweltder Jugendlichen zu stellen, z. B. Physik, wie sie uns alltäglich begegnet, Physik am menschlichen Körper usw. und Physiker und Physikerinnen als Vorbilder kennen zu lernen.
  4. In allen Jahrgangsstufen werden im Physikunterricht sozialkommunikative und kooperative Unterrichtsformen praktiziert. Mit besonderen Schülerübungskästen ist selbständiges Experimentieren und Gruppenarbeit nicht nur in geteilten Klassen möglich. Zum einen können in Binnendifferenzierung Mädchengruppen gebildet werden, zum anderen wird durch Gruppenarbeit das Einzelkämpfertum der Jungen aufgebrochen; denn Mädchenförderung ist nur möglich, wenn gleichzeitig die Sozialkompetenz der Jungen erhöht wird.
  5. Evaluation durch Fragebögen
  6. Sensibilisierung weiterer Lehrkräfte durch den Arbeitskreis „Weiterentwicklung der Koedukation“ und durch Fortbildungsveranstaltungen.
  7. Bereitstellung einer Frauenbibliothek in der Schule für die Öffentlichkeit.
  8. Elterninformation erfolgt auf Elternabenden, durch die Jahresberichte und im informellen Einzelgespräch.


 

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