Geschlechts- und gendersensibel handeln im Schulalltag

S. Kempf

Bis zur Pubertät erfahren Mädchen, die auf Bäume klettern, häufig mehr Akzeptanz als Jungen, die gerne stricken wollen. Burschikoses, jungenhaftes Verhalten von Mädchen wird vor der Adoleszenz geduldet oder sogar bestärkt, dann jedoch zunehmend weniger von der Umwelt akzeptiert.

Jungen, die sich als sogenannte „sissy boys“ eher für traditionelle Mädchenthemen interessieren, erleben in der Regel noch deutlicher und früher irritierte und abweisende Reaktionen. In der Pubertät wird bei ihnen als geschlechtsuntypisch etikettiertes Verhalten von der Umwelt dann oft noch stärker abgelehnt oder sogar sanktioniert.

  

Schwierig ist für Mädchen, wenn sie eher früh in die Pubertät kommen - schwierig für Jungen, wenn das bei ihnen eher spät geschieht.

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Wenn bei Mädchen z.B. der Busen früh sichtbar wird, dies von anderen bemerkt und womöglich auch offen benannt wird, erleben sie das als unangenehm. Kommentare wie „Dir wächst ja schon ein ganz schöner Busen!“ werden von einer 11-Jährigen meist nicht als Kompliment, sondern als überflüssiger, grenzverletzender und sehr peinlicher Kommentar bewertet. Hier sind die Lehrkräfte aufgefordert, besonders zurückhaltend und einfühlsam mit Mädchen und ihren körperlichen Veränderungen umzugehen. Sie müssen ihrer pädagogischen Verantwortung insbesondere auch dann gerecht werden, wenn innerhalb der Peer-Gruppe, die körperlichen Veränderungen abfällig, provozierend oder (grenz-) verletzend thematisiert werden.

Für Jungen ist es eher belastend, wenn sie sich als ‚Spätzünder’ erleben, also unter den Gleichaltrigen zu den Letzten gehören, bei denen körperliche Veränderungen sichtbar werden. Wenn bei einem Fünfzehnjährigen fast kein Bart wächst, die Stimme noch kindlich bleibt und während des Umziehens beim Schwimmunterricht noch keine Schamhaare zu sehen sind, kann das als sehr kränkend und peinlich erlebt werden. Wie die Mädchen befürchten auch Jungen grenzverletzende abfällige und hämische Kommentare zu ihrer körperlichen Entwicklung. Dies gilt besonders, wenn diese von gleichaltrigen Geschlechtsgenossen kommen.

  

Jungenkörper entwickeln sich in der Pubertät eher in Richtung des erwachsenen Ideals von Männlichkeit, Mädchenkörper nicht unbedingt in Richtung des erwünschten weiblichen Ideals.

Jungen bekommen tendenziell etwas breitere Schultern, die Muskelmasse nimmt insgesamt etwas zu. Das finden sie meist eher erfreulich. Bei Mädchen hingegen wird der Körperfettanteil oft etwas mehr, die Hüften werden breiter, es entstehen die „weiblichen Rundungen“. Das für junge Frauen herrschende Schönheitsideal ist aber eine möglichst knabenhafte Figur mit schmalen Hüften und langen, dünnen Beinen.  Dass ihr Körper sich oft genau so nicht entwickelt, erleben viele Mädchen als belastend.

 

 Einschneidende körperliche Veränderungen in der Pubertät werden von Mädchen und Jungen sehr unterschiedlich erlebt und bewertet.

Auch wenn es viele Ansätze gibt, die Menstruation als etwas Positives, als schätzenswertes Symbol der eigenen Weiblichkeit und Fruchtbarkeit darzustellen: Nach wie vor wird von vielen Mädchen die Blutung eher als Beeinträchtigung erlebt, als lästiges Übel, mit dem frau umgehen muss und das auch körperliche Schmerzen verursachen kann. Und wenn frau wegen eines körperlichen Vorgangs zum Arzt gehen soll, dann muss es doch irgendwie etwas mit Krank-Sein oder zumindest mit einer Beeinträchtigung zu tun haben, ist die Interpretation.

Ganz anders bei Jungen. Spätestens, wenn sie wissen, dass ein nächtlicher Samenerguss nicht Anzeichen einer ihnen unbekannten Krankheit ist, verknüpfen die allermeisten von ihnen die Ejakulation mit Selbstbefriedigung und damit ganz eindeutig mit Lust. Auch, wenn sie theoretisch wissen, dass Sperma bedeutet, jetzt ein Kind zeugen zu können: Der Aspekt der Fruchtbarkeit tritt, zumindest in der Anfangsphase der Pubertät, gegenüber dem sehr viel positiver besetzten Aspekt der Lust, ganz eindeutig zurück.

Anders ausgedrückt: Ein Samenerguss bedeutet primär Lustgefühle und einen Orgasmus zu erleben, hingegen die Menstruation zunächst, sich um das Auffangen von Blut kümmern und eventuell Schmerzen erleiden zu müssen. Sehr unterschiedliche Bewertungsmuster also, die von Jungen und Mädchen genutzt werden könnten, wenn sie diese körperlichen Prozesse erleben.

 

 Ab der Pubertät wird Jungen Risikoverhalten eher zugestanden als Mädchen.

Mädchen werden in dieser Entwicklungsphase viel mehr mit Schutzdiskursen (ungewollte Schwangerschaft, Möglichkeit einer Vergewaltigung, mögliche körperliche Unterlegenheit...) konfrontiert als Jungen. Die Ansicht, Jungen dagegen sollten sich ruhig „die Hörner abstoßen“, ist immer noch weit verbreitet.

  

Geschlechtsspezifisches Kommunikationsverhalten in Diskussionen, das tradierten Rollen entspricht, kann und sollte hinterfragt werden.

Lehrkräfte sollten im Klassengespräch auf der Metaebene gegebenenfalls auffällige Kommunikationsmuster ansprechen, z.B. mit folgender Aussage: „Mir ist aufgefallen, dass die Jungen (bzw. die Mädchen) die Mädchen (bzw. die Jungen) in diesem Gespräch viel öfter unterbrochen haben als umgekehrt. Was meint Ihr, woran kann das liegen?“

Gleiche Kommunikationsmuster - z.B. derbe, sexuell gefärbte Sprüche – werden von der Umwelt bei Jungen und Mädchen manchmal völlig unterschiedlich bewertet. Lehrkräfte sollten diese Praxis nicht verstärken, sondern die Differenz bei möglichst vielen Gelegenheiten unaufgeregt thematisieren.

  

Zu den Entwicklungsaufgaben aller Jugendlichen gehört es, erste partnerschaftliche Beziehungen einzugehen und vorsichtig erste sexuelle Erfahrungen zu machen.

Jungen, die Erfahrungen vorweisen können - oder diese zumindest vorgeben erlebt zu haben -, werden in ihrer Männlichkeit dadurch eher aufgewertet. Die Mädchen aber, die vielleicht genauso neugierig sind, müssen auf ihren guten Ruf achten, um nicht abgewertet zu werden. Von den Gleichaltrigen als „Schlampe“ abqualifiziert zu werden, entspricht nicht einem positiv bewerteten Bild von Weiblichkeit.

  

Nicht alle Jungen verlieben sich in Mädchen – nicht alle Mädchen verlieben sich in Jungen.

 Wenn Verliebtheit, vermehrte Wünsche auch nach ganz intimer bzw. sexueller Nähe an eine Person des gleichen Geschlechts immer stärker werden, dann können Mädchen und Jungen dies irgendwann nicht mehr als kindlich-unschuldiges, asexuelles Bedürfnis abtun. Die körperlichen Veränderungen und die immer deutlicher werdenden sexuellen Präferenzen zeigen ihnen, dass es sich hier zunehmend um ein erwachsenes, sexuelles Begehren gegenüber Menschen des eigenen Geschlechts handelt. Sie setzten sich dann z.B. mit folgenden Fragen auseinander: „Bin ich wirklich schwul oder lesbisch? Warum bin das gerade ich? Warum trifft das gerade mich?“ Die Reflexion und Selbsterkenntnis stürzt viele nach wie vor häufig in eine tiefe Identitätskrise. Dies ist oft die erste Phase eines sich über einen längeren Zeitraum erstreckenden Coming-Out-Prozesses.

Viele Mädchen können zunächst - manchmal über Jahre hinweg - ihre Wünsche umdeuten oder bagatellisieren – schließlich ist es auch gesellschaftlich anerkannt und nicht ungewöhnlich, dass Mädchen sich berühren, eng zusammen kuscheln oder gemeinsam in einem Bett übernachten. Jungen hingegen erleben sehr deutlich, dass körperliche Nähe und Intimität zu einem anderen Jungen ab einem bestimmten Alter von der Umwelt sofort als auffällig wahrgenommen und negativ bewertet wird. Sie überlegen sich daher häufig sehr genau, ob und wem gegenüber sie sich outen.

Immer noch herrscht an vielen Schulen ein so homophobes Klima, dass Jugendliche sich nicht trauen, ihre Homosexualität zu offenbaren. Dies wird eindrucksvoll belegt durch die Studie „Da bleibt noch viel zu tun!...“ .Befragung von Fachkräften der Kinder – und Jugendhilfe zu Situation von lesbischen, schwulen  und transgender Kindern, Jugendlichen und Eltern in München. (Hg.: Landeshauptstadt München, Direktorium, Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. München 2011)

  

Erwachsenwerden kann ein bis dahin diffuses Unbehagen bezüglich des eigenen Körpers massiv verstärken.

 Dann etwa, wenn Mädchen z.B. eindeutig zur Frau werden, aber gleichzeitig immer deutlicher spüren, dass sie eigentlich ein Junge bzw. Mann sein möchten – oder umgekehrt. In diesem Fall ist von Transsexualität die Rede: Das heißt, dass ein Mensch körperlich ein eindeutiges Geschlecht (im Englischen „sex“) hat, aber irgendwann in seinem Leben merkt: Ich fühle mich so unwohl und unpassend in meinem (Geschlechts-)Körper, dass ich lieber den Körper des anderen Geschlechts hätte.

Jugendliche, die in der Pubertät spüren, dass sie transsexuell sein könnten, haben oft mit sehr wenig Verständnis oder Einfühlsamkeit zu rechnen. Dementsprechend behalten viele ihre Gefühle lange für sich, was sie aber sehr einsam und unglücklich machen kann.

 

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