Geschlechts- und gendersensibel handeln im Schulalltag

R. Rustemeyer

Wie aktuell die Fragen nach Intelligenzunterschieden bei Mädchen und Jungen und geschlechtsspezifische Stärken und Schwächen sind, zeigt ein vom Deutschen Hochschulverband durchgeführtes Symposium, bei dem Vertreter/innen der Psychologie, der Lernforschung, der Verhaltensgenetik und der Hirnforschung zu genau diesen Fragen Stellung genommen haben (Deutscher Hochschulverband, 2010). Der Anlass für das interdisziplinär ausgerichtete Symposium waren - laut Vorwort - Medienberichte, wonach „in Schulen Mädchen besser als Jungen abschneiden“.

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Unterschiede zwischen den Geschlechtern wurden in der Vergangenheit immer wieder an Unterschieden im Gehirn festgemacht, angefangen bei unterschiedlichen Schädelformen von Frauen und Männern oder einem unterschiedlichen Gehirnvolumen und -gewicht. Durch die Forschungsergebnisse der „objektiven“ Naturwissenschaft wurden Geschlechterunterschiede in der Intelligenz, in der Lernfähigkeit oder in speziellen kognitiven Fähigkeiten und Kompetenzen wie Raumorientierung oder Sprachkompetenz körperlich verankert, also biologisch deterministisch begründet.


Heute, in der modernen Hirnforschung, steht vor allem die Asymmetrie der Hirnhälften im Fokus der Aufmerksamkeit. Die Annahme lautet, dass die Gehirne von Männern asymmetrisch (lateraler) arbeiten und Männer je nach Aufgabe entweder eher die linke (Sprache) oder die rechte Hemisphäre (Raumorientierung) einsetzen. Frauengehirne dagegen sollen symmetrischer (bilateraler), also mit beiden Gehirnhälften arbeiten. Die gleichzeitige Arbeit mit beiden Hirnhälften, so die These, führe zu besseren Sprachleistungen der Frauen, während Männer vorwiegend die eine oder die andere Gehirnhälfte nutzen und deshalb besser räumliche (und damit auch mathematische) Aufgaben lösen können.

Erforscht werden diese vermuteten Unterschiede durch den „Blick ins lebende und arbeitende Gehirn“ (Schmitz, 2009). Als Forschungsinstrumentarium werden Bild gebende Verfahren der Computertomographie (z. B. Positronenemissionstomographie, PET oder funktionelles Magnetresonanzimaging, fMRI) verwendet, mit denen Aktivierungsmuster und Hirnstrukturen sichtbar gemacht werden. Während Personen Aufgaben bearbeiten, werden die Aktivierungsmuster in bestimmten Hirnarealen gemessen.

Die von computertomographischen Verfahren erzeugten Bilder sind keine realen Abbilder. Was in bunt gefärbten, ansprechenden Bildern für die Betrachter sichtbar wird, durchläuft zuvor eine Reihe von Berechnungsschritten, eine Festlegung von Arealgrenzen, eine Festlegung, ab wann eine Aktivierung relevant ist und so weiter. Das Bild wird über verschiedene Konstruktionsschritte erzeugt, die sich von Forschergruppe zu Forschergruppe deutlich unterscheiden können und nachweisbar zu unterschiedlichen Ergebnissen führen (Schmitz, 2009).

Mit punktuell erhobenen Befunden können grundsätzlich keine Veränderungen aufgezeigt werden. Ob und in welchem Ausmaße Lernprozesse Hirnstruktur oder -funktion beeinflussen, kann nicht bestimmt werden.

 

Empirische Untersuchungen der Hirmforschung zur generellen Sprachverarbeitung von Frauen und Männern liefern insgesamt sehr widersprüchliche Ergebnisse. Es gibt eine Reihe von Studien, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern nachweisen können, aber auch Studien, die keine Unterschiede nachweisen können (vgl. Schmitz, 2009). Unterschiede treten häufig bei sehr kleinen Stichproben auf. Metaanalysen konnten keine generellen geschlechtsspezifischen Asymmetrieunterschiede feststellen.

Widersprüchliche Befunde liegen auch bei den räumlichen Fähigkeiten von Frauen und Männern vor. Beispielsweise bearbeiten Personen Navigationsaufgaben in einem Computerlabyrinth, und dabei wird die auftretende Aktivierung in verschiedenen Hirnregionen gemessen. Während sich in diesem Experiment Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den aktivierten Hirnarealen zeigen, können andere Studien diese Ergebnisse nicht bestätigen.

Vor allem in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen wird die enorm widersprüchliche Befundlage nicht zur Kenntnis genommen und die biologisch begründete geschlechterbezogene Determination bestimmter Kompetenzen oder Fähigkeiten vertreten. Eine Pädagogik, die diese Sichtweise vertritt, schränkt ihre erzieherischen Möglichkeiten von vornherein stark ein. Denn selbst fundierte nachweisbare Unterschiede zwischen den Geschlechtern müssen im Zusammenhang mit umweltabhängigen Einflüssen wie z. B. vorherigen Lernerfahrungen gesehen und interpretiert werden.

Das Konzept der Hirnplastizität der modernen Hirnforschung verweist darauf, dass sich Strukturen und Funktionen des Gehirns fortwährend und dynamisch über das ganze Leben verändern. Das betrifft auch die kognitiven Funktionen des Sprachverständnisses oder die räumlichen Fähigkeiten.

 

Literatur

Deutscher Hochschulverband (Hrsg.), (2010). Intelligenz, Begabung und Geschlecht im Spiegel der Wissenschaft. Symposium des Deutschen Hochschulverbandes am 20. Oktober 2008 in Bonn. Bonn: Deutscher Hochschulverband.

 Schmitz, S. (2009). Geschlecht zwischen Determination und Konstruktion: Auseinandersetzung mit biologischen und neurowissenschaftlichen Ansätzen. In: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (EEO), Fachgebiet Geschlechterforschung, hrsg. von H. Faulstich-Wieland. Juventa: Weinheim München (www.erzwissonline.de).

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