Sprachentwicklung

A. Hereth, S. Seiler

Wie in der gesamten kindlichen Entwicklung bis zur Pubertät, lässt sich auch für die Sprachentwicklung feststellen, dass Mädchen einen Entwicklungsvorsprung haben. Dieser geht etwa bis zum 3. bis 5. Lebensjahr wieder verloren (Largo, 1993; Grimm, 1995, in: Oerter & Montada, 1995; Grimm, 2003). Zurückzuführen ist dieser relative Entwicklungsrückstand auf Geschlechtsunterschiede in der Hirnreifung.

 

Empirische Befunde:

Statistisch lässt sich dieser relative Rückstand der Jungen in der Entwicklung für unterschiedliche Bereiche der Sprachentwicklung belegen:

  • Hinsichtlich der ersten gesprochenen Worte ab etwa dem 12. Lebensmonat lässt sich feststellen, dass Mädchen etwas früher zu sprechen beginnen bzw. ein größerer Anteil von Jungen dies signifikant später tut (vgl. Largo, 1993, S. 343; Grimm, 1995).
  • Hinsichtlich des Auftretens von Zwei-Wort-Sätzen ab dem Alter von etwa 15-18 Monaten lässt sich ebenfalls ein schnelleres Entwicklungstempo der Mädchen nachweisen (vgl. Largo, 1993, S. 345). Die Unterschiede gleichen sich etwa mit dem 42. Lebensmonat vollständig an.
  • Besonders stark sind die Geschlechtsunterschiede beim Gebrauch des eigenen Vornamens bzw. beim Gebrauch des Personalpronomens „Ich" ab etwa dem 15. Lebensmonat. So beginnen Mädchen früher ihren eigenen Vornamen zu gebrauchen als Jungen. Diese Unterschiede nivellieren sich ebenfalls im Alter von etwa 42 Monaten (vgl. Largo, 1993, S. 347). Jungen gebrauchen die Ich-Form signifikant später als Mädchen, die statistischen Unterschiede der Mittelwerte betragen bis zu 6 Monate (vgl. Largo, 1993, S. 348).
  • In einer Längsschnittstudie mit über 1000 Kindern wurden in Beziehung gesetzt: die frühe Bindungserfahrung (im Alter von 3 Jahren), die emotionale Mutter-Kind-Beziehung (erfasst im Alter von 4,5 Jahren) und Freundschaftserfahrungen ab Beginn der Schulzeit (McElwain et al., 2008). Die Autoren interpretierten ihre Studienergebnisse dahingehend, dass sowohl die emotionale Mutter-Kind- Bindung als auch die Mutter-Kind-Beziehung die Qualität späterer Freundschaftsbeziehungen des Kindes positiv beeinflussen. Als wichtige moderierende Variable kommt die sprachliche Kompetenz des Kindes dazu. „Wenn die Kinder im familiären Kontext keine Probleme damit hatten, über ihre Emotionen - insbesondere auch ihre negativen Emotionen - zu reden, schien sich dies später positiv auf ihre sozialen Kompetenzen auszuwirken." (Schneider & Hasselhorn, in Schneider & Lindenberger, 208).
  • Bei der Sprachentwicklung sind auch geschlechtsspezifische genetische Faktoren wirksam. Dies zeigen Studienergebnisse zu spezifischen Sprachentwicklungsstörungen: Jungen entwickeln diese etwa drei Mal so häufig wie Mädchen. Verschiedene Forscher konnten nachweisen, dass die Väter der Kinder mit solchen Störungen signifikant häufiger als Väter aus der Kontrollgruppe Sprachprobleme hatten. Diese Befunde wurden in Adoptionsstudien repliziert, in denen die Umwelt als Risikofaktor ausgeschlossen werden konnte, da die Kinder mit den Sprachentwicklungsstörungen ohne den leiblichen Elternteil aufwuchsen, der das selbe Störungsbild zeigte. Aufgrund der aktuellen Forschungslage werden als eine Ursache für das Entstehen spezifischer Sprachentwicklungsstörungen deshalb genetische Dispositionen angenommen. (vgl. Grimm, 2012, S. 135 ff.)

  

laura6 400Schlussfolgerungen:

Bei der Interpretation der dargestellten Geschlechtsunterschiede sollte man vorsichtig sein, da das empirische Bild nicht ganz einheitlich ist. So fehlen Hinweise auf Geschlechtsunterschiede in der Sprachentwicklung beispielsweise im aktuellen Beitrag von H. Grimm & S. Weinert für das Lehrbuch der Entwicklungspsychologie (Schneider & Lindenberger, 2012, 433 ff.) ganz, während H. Grimm in einem Vorgängerband solche noch beschrieb (Oerter & Montada, 3. Auflage, 705 ff.).


Auch andere Autoren sprechen von deutlichen Geschlechterunterschieden bei der Sprachentwicklung, die sich bis ins Erwachsenenalter dokumentieren lassen. Vermutet werden kann auch, dass diese Kompetenzunterschiede eine Spätfolge der Entwicklungsunterschiede in den ersten Lebensjahren sein können: Den Jungen wird weniger zugetraut als den Mädchen, sie werden weniger gefordert, haben deshalb weniger Übung, entwickeln Vermeidungsstrategien (siehe unten) usw. Auch diese Faktoren könnten die Geschlechtsunterschiede in Hinblick auf die Sprachkompetenz erklären. Begünstigt werden diese Prozesse durch die Tradierung von Rollenstereotypen wie sie zum Beispiel in folgenden Wendungen formuliert werden: „Jungen tun sich beim Reden schwerer als Mädchen.", „Mädchen lesen lieber als Jungs.", „Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch."


Kinder können jedoch Entwicklungsdefizite - selbst wenn eine genetische Disposition für das Entstehen einer Sprachentwicklungsstörung vorliegt - sehr gut kompensieren durch entsprechende Förderung, die so früh und intensiv wie möglich beginnen sollte.

 

Generell gilt, dass sprachliche Fertigkeiten eine Basis- und Kernkompetenz im Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen darstellen z. B. weil mittels sprachlicher Fertigkeiten eigene Bedürfnisse kommuniziert werden, Emotionen im Rahmen der Emotionsregulation besser ausgedrückt werden und ein Bezug zur Peer-Gruppe hergestellt werden kann. Entwicklungsverzögerungen in der Sprachentwicklung sind deshalb auch ein wichtiger Faktor für die Entstehung spezifischer, klinisch relevanter Verhaltensauffälligkeiten.

 

So lässt sich beobachten, dass vor allem Entwicklungsstörungen im rezeptiven Sprachverständnis oftmals zum Aufbau kompensatorischer Verhaltensweisen führen, um eigene Defizite zu kaschieren oder damit einhergehende unangenehme Situationen zu vermeiden. Das können z. B. sein:

  • Steigerung des eigenen - expressiven – Redeflusses
  • unangemessene soziale Reaktionen bzw. Rückzugsverhalten
  • Ängstlichkeit.

Entwicklungsstörungen in der expressiven Sprache wiederum stehen häufig in Zusammenhang mit:

  • einer Steigerung von aggressivem Verhalten
  • Frustrationsreaktionen.

In der multiaxialen Diagnostik psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 werden Entwicklungsstörungen im sprachlichen Bereich daher unter der Achse II (Umschriebene Entwicklungsstörungen) erhoben.

 

Aus den oben dargestellten Befunden lässt sich ableiten, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen eine etwas größere Vulnerabilität für die Entstehung psychischer Störungen aufweisen, die mit Entwicklungsstörungen im sprachlichen Bereich assoziiert sind (z. B. Störungen des Sozialverhaltens, vgl. Abschnitt Klinische Psychologie).

 

Als eine weitere mögliche Konsequenz aus den oben genannten Befunden lassen sich Auswirkungen auf die Selbstregulation von Jungen und Mädchen in der frühen Kindheit vermuten. So stehen Mädchen mit besser entwickelten sprachlichen Fertigkeiten auch besser ausgeprägte expressive Bewältigungsformen zur Verfügung, während Jungen tendenziell vielleicht auch aus diesem Grunde auf eher andere Bewältigungsstrategien zurückgreifen, z. B. aktionale.


Für die Entwicklung des Selbstwertgefühls und v. a. für die Entwicklung eines positiven schulischen Selbstkonzeptes dürfte es weiterhin relevant sein, dass Teilleistungsstörungen im Bereich des Schriftspracherwerbs häufiger bei Jungen als bei Mädchen auftreten. Die Häufigkeitsangaben sind dabei ungenau, diese sind für Jungen allerdings immer insgesamt höher als für Mädchen. Als Grundlage für die Entstehung der Lese-/Rechtschreibstörung werden Defizite in den phonologischen Fertigkeiten angenommen, im weitesten Sinne also des rezeptiven Sprachverständnisses, d.h. bei der Decodierung gehörter Reize. Dies führt im Grundschulalter häufig – komorbid - zur Entwicklung von emotionalen Störungen, Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls und Anpassungsproblemen, später auch zu Sozialverhaltensstörungen (vgl. M. H. Schmidt: Kinder- und Jugendpsychiatrie).

Auch hier lässt sich schlussfolgern, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen aufgrund des häufigeren Auftretens von Lese-/Rechtschreibstörungen eine höhere Vulnerabilität aufweisen für die Entwicklung von emotionalen Störungen, Anpassungsproblemen, Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls und Sozialverhaltensstörungen. Vermutet werden kann außerdem ein Zusammenhang zwischen den oben dargestellten Faktoren mit den schlechteren schulischen Leistungen der Jungen im Vergleich zu den Mädchen im Fach Deutsch und den Fremdsprachen. Da Sprachverständnis und –flüssigkeit darüber hinaus eine Kernkompetenz für alle Schulfächer darstellen, sollten Jungen in diesen Kompetenzbereichen bzw. Unterrichtsfächern besonders gefördert werden.

 

Bedenkt man weiterhin, dass der Gebrauch des eigenen Vornamens bzw. der Ichform als Indikator für den Beginn der Ich-Entwicklung angesehen werden kann, weisen die o. g. Befunde auf mögliche Unterschiede in der Ich-Entwicklung zwischen den Geschlechtern hin. Dieser Entwicklungsvorsprung von Mädchen könnte implizieren, dass eine früher beginnende Ich-Entwicklung auch Konsequenzen für die Ausreifung von sozialen Kompetenzen und für die Identitätsentwicklung hat.

 

Literatur

  • Schmidt, M. (1999) Kinder- und Jugendpsychiatrie. Kompendium für Ärzte, Psychologen, Sozial- und Sonderpädagogen. Deutscher Ärzte Verlag
  • Schneider, W. & Hasselhorn, M. (2012) Frühe Kindheit (3-6 Jahre). in: Schneider, W. & Lindenberger, U. (Hg.) Entwicklungspsychologie. 7. vollständig überarbeitete Auflage. Beltz
  • Grimm, H. (1995) Sprachentwicklung - allgemeintheoretisch und differentiell betrachtet. in: Oerter, R. & Montada, L. (Hg., 3. Auflage) Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. S. 706 ff. Beltz - PsychologieVerlagsUnion
  • Grimm, H. (2003, 2. Auflage) Störungen der Sprachentwicklung. Hogrefe
  • Grimm, H. (2012, 3. überarbeitete Auflage) Störungen der Sprachentwicklung. Hogrefe
  • Grimm, H. & Weinert, S. (2012) Sprachentwicklung. in: Schneider, W. & Lindenberg, U. (Hg., 7., vollständig überarbeitete Auflage) Entwicklungspsychologie. Mit Online-Materialien. Nachfolger von Oerter & Montada. S. 433 ff. Beltz
  • Largo, Remo (1993; 2013, 2. Auflage als Taschenbuchausgabe) Sprachentwicklung. in: Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. Piper
  • McElwain, N. et al. (2008). A process model of attachment-friend linkages. Child Development, 79, 1891-1906.

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