Störungsbilder - Prävalenzen

S. Seiler

Nach dem „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ (= ICD10) werden insgesamt 5 Achsen beurteilt, welche Aufschluss über den Entwicklungsstand eines Kindes geben sollen:

Achse I: Klinisch-psychiatrisches Syndrom

Achse II: Entwicklungsstörungen (z. B. Teilleistungen)

Achse III: Intelligenz

Achse IV: Körperliche Symptomatik

Achse V: Psychosoziale Umstände (= Systemische Aspekte)

Globalbeurteilung des Entwicklungsstandes auf Achse VI: Das psychosoziale Funktionsniveau. Dieses beschreibt, wie gut die intrapsychischen und die sozialen Funktionen des Kindes ausgeprägt sind.

 

Für Erwachsene zeigt sich, dass kaum eine der (in der ICD-10) klassifizierten psychischen Störungsbilder (Achse I) bei Frauen und Männern mit gleicher Häufigkeit auftritt (vgl. Tabelle 1). Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer im 12-Monats-Zeitraum an einer Psychischen Störung erkranken, liegt insgesamt bei 30,7%, bei Frauen bei 35,9%. Die Häufigkeiten verteilen sich wie folgt unter den Geschlechtern:

Tabelle 1: 12-Monats Prävalenzen von Psychischen Störungen bei Männern und Frauen (nach Angabe des Robert-Koch-Institutes für die Jahre 2008 – 2011)

 

Männer

Frauen

Angststörungen

9,7%

22,6%

Depressionen

5%

11,4%

Somatoforme Störungen

1,7%

4,9%

Zwangsstörungen

3,5%

4,2%

Bipolare Störungen

2,8%

3,1%

Posttraumatische Belastungsstörungen

0,9%

3,8%

Magersucht

0,2%

1,1%

Psychosen

1,8%

3%

Medikamentenabusus

1,5%

2%

Alkoholabusus

18,4%

3,9%

 

Diese bei den Erwachsenen bestehenden Unterschiede lassen sich in gleicher Weise auch bei Kindern und Jugendlichen finden. Das heißt, v. a. hinsichtlich des Auftretens von Ängsten, Depressionen, somatoformen Störungen und Essstörungen zeigt sich auch im Kindes- und Jugendalter eine größere Häufigkeit bei Mädchen.

Darüber hinaus bestehen jedoch eigene – kinder- und jugendlichenspezifische – psychische Störungsbilder, die unter den F90er Nummern der Achse I der ICD10 gesammelt sind. Auch hier legen Untersuchungen übereinstimmend nahe, dass es ausgeprägte genderspezifische Häufigkeitsverteilungen gibt.

Gemittelt über alle Störungsbilder zeigt sich bei Jungen eine deutlichere Vulnerabilität, d. h. ihr Risiko im Laufe der Entwicklung eine psychische Störung zu entwickeln, ist höher als das von Mädchen. Insgesamt entwickeln etwa 18% aller Kinder und Jugendlichen psychische Störungen. Interessant ist auch, dass die seit Jahrzehnten beschriebenen Geschlechtsunterschiede in ihrer Deutlichkeit abnehmen und die Geschlechter sich angleichen (z. B. bei Essstörungen, Störungen des Sozialverhaltens/Delinquenzraten).

Die folgenden Ausführungen beziehen sich die Häufigkeiten, die in der deutschen Fassung der ICD-10 angegeben werden, auf Häufigkeiten aus den Leitlinien zur Psychotherapie psychischer Störungen, auf entsprechende Lehrbücher sowie auf die Angaben der Mannheimer Längsschnittstudie (vgl.  Literaturangaben).

 

Gering ausgeprägte bis keine Geschlechterunterschiede

Keine oder geringe Unterschiede in der Prävalenz zwischen Jungen und Mädchen sind zu verzeichnen bei den Diagnosen:

      • Emotionale Störung mit Geschwisterrivalität (ICD F93.3),
      • Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (ICD F94.2),
      • Emotionale Störung mit Trennungsangst (ICD F93.0) und
      • Elektiver Mutismus (ICD F94.0, der ab dem Jugendalter bei Mädchen häufiger auftritt).
Ungenaue Häufigkeitsangaben

Folgende Diagnosen sind etwas häufiger bei Jungen zu finden:

      • Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (ICD F94.1),
      • Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten (ICD F91.3),
      • Ticstörungen (ICD F95),
      • Stottern (ICD F98.5) und
      • Poltern (ICD F98.6). 

Folgende Diagnosen sind etwas häufiger bei Mädchen zu finden:

      • Somatoforme Störungen (ICD 45),
      • Depressionen (bis zur Pubertät ausgeglichenes Geschlechterverhältnis) und
      • Posttraumatische Belastungsstörung (ICD F43.1).
 Deutliche Geschlechterunterschiede

Folgende Diagnosen sind wesentlich häufiger bei Jungen zu finden:

      • Hyperkinetische Störungen (ICD F90, Verhältnis etwa 8:1),
      • Störungen des Sozialverhaltens (ICD F91, Verhältnis etwa 4:1),
      • Störungen des Autistischen Spektrums (ICD F84, Verhältnis etwa 4:1),
      • Enkopresis/Einkoten (ICD 98.1, Verhältnis etwa 4:1),
      • Enuresis/Einnässen (ICD F98.0, Verhältnis etwa 2:1),
      • Störung der Geschlechtsidentität (ICD F64, hier besteht bei Kindern ein großer Geschlechterunterschied, Verhältnis etwa 5:1, der sich im Zuge der Entwicklung nivelliert, ab Jugendalter Verhältnis etwa 1,4:1).
      • Bei Angststörungen (ICD F40 und F41) gibt es nur bei existentiellen und Sozialen Ängsten eine Häufung bei männlichen Jugendlichen (Verhältnis etwa 2:1 ab der Adoleszenz).

Folgende Diagnosen sind wesentlich häufiger bei Mädchen zu finden:

      • Anorexia nervosa (ICD F50.0, Verhältnis 20:1),
      • Bulimia nervosa (ICD F50.2, Verhältnis >20:1),
      • Anfallsweises Essen/sog. Binge-Eating-Störung, Verhältnis 1,5:1,
      • hinzu kommt die Borderline-Persönlichkeitsakzentuierung (ICD F60.31, Verhältnis etwa 2,5:1), die als einzige Persönlichkeitsstörung bereits ab der Adoleszenz diagnostiziert wird (als Persönlichkeitsakzentuierung),
      • Isolierte Phobien (ICD F40.2, z. B. Tierphobien, Angst vor medizinischen Eingriffen) und
      • Agoraphobie (ICD F40.0).

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Prävalenzen Psychischer Störungen zwar auch auf biologische Faktoren zurückgehen, dass diese jedoch in einem komplexen Wechselwirkungsprozess stehen mit Sozialisationsbedingungen. Ein wesentlicher Sozialisationsfaktor  sind dabei genderspezifische kognitive Bewertungsprozesse (z. B. Wahrnehmungen, Erwartungen, Interpretationen).

 

Entwicklungsstörungen

Nach dem „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ (= ICD10) werden insgesamt 5 Achsen beurteilt, welche Aufschluss über den Entwicklungsstand eines Kindes geben sollen:

Achse I: Klinisch-psychiatrisches Syndrom

Achse II: Entwicklungsstörungen (z. B. Teilleistungen)

Achse III: Intelligenz

Achse IV: Körperliche Symptomatik

Achse V: Psychosoziale Umstände (= Systemische Aspekte)

Globalbeurteilung des Entwicklungsstandes auf Achse VI: Das psychosoziale Funktionsniveau. Dieses beschreibt, wie gut die intrapsychischen und die sozialen Funktionen des Kindes ausgeprägt sind.

 

Die an anderer Stelle beschriebene, stärkere Vulnerabilität von Jungen bzgl. der Entwicklung von Störungen der Achse I besteht auch hinsichtlich der auf Achse II der ICD10 mit den F80er Nummern beschriebenen Entwicklungsstörungen. Folgende Diagnosen von Entwicklungsstörungen werden für Jungen häufiger beschrieben: 

    • Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache (ICD F80) (z. B. Artikulationsstörung, expressive Sprachstörung, rezeptive Sprachstörung)
    • Lese-/Rechtschreibstörung (ICD F81.0) und Isolierte Rechtschreibstörung (F81.1)
    • Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen (ICD F82).

Keine der Entwicklungsstörungen der Achse II wird für Mädchen häufiger beschrieben als für Jungen.

 

Literatur

  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie et al. (Hg.) (2003) Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Deutscher Ärzte Verlag
  • Ihle, W. & Esser, G. (2002) Epidemiologie psychischer Störungen im Kindes und Jugendalter. Psychologische Rundschau, 53 (4), S. 159-169
  • Ihle, W., Laucht, M., Schmidt, M. und Esser, G. (2007) Geschlechtsunterschiede in der Entwicklung psychischer Störungen. In: Lautenbacher S., Güntürkün, O., Hausmann, M. Gehirn und Geschlecht. Springer Verlag
  • Remschmidt, H., et al. (Hg.) (2001) Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. Verlag Hans Huber
  • Robert Koch Institut (2011), zitiert nach: Wittchen, H.-U., Jacobi, F. (2012) DEGS-Symposium: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland. Was sind die häufigsten psychischen Störungen in Deutschland?
  • Schmidt, M. (1999) Kinder- und Jugendpsychiatrie. Kompendium für Ärzte, Psychologen, Sozial- und Sonderpädagogen. Deutscher Ärzte Verlag

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