Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund

R. Rustemeyer

Schulische Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Schulischer Erfolg hängt immer noch eng mit der familiären Herkunft von Schülerinnen und Schülern zusammen. Ergebnisse aus Schulleistungsstudien wie PISA und IGLU zeigen, dass Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund deutlich bessere Bildungserfolge erzielen als Jugendliche mit Migrationshintergrund. Die Unterschiede zeigen sich sowohl beim Kompetenzerwerb als auch in der Bildungsbeteiligung.

Legt man die Daten aus PISA 2009 zugrunde, dann haben ca. 26 % der 15-jährigen Jungendlichen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Verglichen mit anderen Ländern liegt Deutschland damit etwa im Mittelfeld. Die Zusammensetzung ist recht heterogen. Über die Hälfte der Jugendlichen kommen aus der ehemaligen UdSSR, Türkei oder Polen, während die andere Hälfte aus vielen unterschiedlichen Ländern kommt. Die meisten dieser Jugendlichen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, gehören somit zur zweiten Generation (Stanat, Rauch & Segeritz, 2010).

 

Was bedeutet Migrationshintergrund?

Während ältere Studien Migrationshintergrund über die Staatsangehörigkeit definieren, verwenden neuere Studien wie PISA das Geburtsland der Eltern (manchmal auch der Großeltern) und der getesteten Jugendlichen als Kriterium (Stanat et al., 2010). Weiter wird unterschieden zwischen erster und zweiter Generation. Bei einem Migrationshintergrund der ersten Generation sind beide Elternteile und der Jugendliche im Ausland geboren, bei der zweiten Generation sind beide Elternteile im Ausland geboren, der Jugendliche aber in Deutschland. Ist nur ein Elternteil im Ausland geboren, gehen manche Studien davon aus, dass kein Migrationshintergrund besteht. PISA weist jedoch die Ergebnisse für Jugendliche mit einem ausländischen Elternteil gesondert aus.

Weiter wird nach unterschiedlichen Herkunftsgruppen differenziert. Zusätzlich werden in der PISA-Studie Merkmale des familiären Kontextes der Jugendlichen erfasst: u.a. die Verkehrssprache, der sozioökonomische Status und der Bildungshintergrund der Eltern (höchster Bildungsabschluss der Eltern) und kulturelle Ressourcen.

 

Kompetenzerwerb und Migrationshintergrund

Ein deutlicher Unterschied zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund zeigt sich insbesondere im erreichten Niveau der Lesekompetenz. Die Situation erweist sich als besonders ungünstig bei Jungendlichen türkischer Herkunft, während Jugendliche aus anderen Ländern wie Polen oder UdSSR eine mittlere Position einnehmen. Jugendliche türkischer Herkunft „erzielen 109 Punkte (erste Generation), 94 (zweite Generation) beziehungsweise 51 Punkte (ein Elternteil in der Türkei geboren) weniger im Lesekompetenztest als Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund“ (Stanat et al., 2010, S. 226). Werden bei den Berechnungen zusätzliche Merkmale kontrolliert wie z. B. die zu Hause gesprochene Sprache, bleiben die Unterschiede in der Lesekompetenz weiterhin bestehen, schwächen sich aber ab. In den ca. 10 Jahren von PISA 2000 bis PISA 2009 ist als sichtbarer Erfolg die Steigerung der Lesekompetenz bei Schüler/innen mit Migrationshintergrund zu werten, aber nach wie vor ist die Situation für türkischstämmige Jugendliche unbefriedigend. Laut Bergann und Stanat (2010) kann die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund insbesondere auf die fehlenden Kompetenzen in der Verkehrssprache zurückgeführt werden. Neben den bereits bestehenden Sprachförderangeboten ist eine gezielte Sprachförderung in der Sekundarstufe notwendig, um Disparitäten auszugleichen. So können Jungendliche der Sekundarstufe mit Migrationshintergrund in allen Hauptfächern ihre Schulnoten verbessern, wenn sie beispielsweise eine gut organisierte Hausaufgabenbetreuung der Gesamtschulen besuchen (Klieme, Fischer, Holtappels, Rauschenbach & Stecher, 2010).

 

Bildungsbeteiligung

Bereits zum Ende der Grundschulzeit gibt es deutliche Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Dieser Unterschied wirkt sich auf den Übergang zu weiterführenden Schulen aus. Legt man den Datenreport 2011 der Bundeszentrale für politische Bildung zugrunde, haben 2009 über alle Schularten hinweg 28,1 % der Kinder und Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Bezogen auf diesen Wert sind Schüler/innen mit Migrationshintergrund verglichen mit Schüler/innen ohne Migrationshintergrund in der Hauptschule deutlich überrepräsentiert (42,9 %) und im Gymnasium mit 22,5 % deutlich unterrepräsentiert (vgl. Abb. 1). Auch bei den Schulabschlüssen zeigt sich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich geringere Chancen haben. Verglichen mit Jugendlichen ohne Migrationshintergrund verlassen sie die Schule häufiger ohne Schulabschluss, erreichen häufiger nur einen Hauptschulabschluss und sind bei Erlangung der Hochschulreife deutlich unterrepräsentiert (vgl. Stürzer et al. 2012).

 

Abbildung 1: Schülerinnen und Schüler nach besuchter Schulart und Migrationshintergrund, 2009

 Quelle:  Stürzer et al., 2012, S. 21

 

Aktuelle Daten des Bildungsberichts aus Bayern für das Schuljahr 2010/11 machen weiter deutlich, dass vor allem männliche Schüler mit Migrationshintergrund benachteiligt sind (s. Abb. 2). Sie haben in fast allen Schularten (außer Grundschule und Volksschule zur sonderpädagogischen Förderung) die höchsten Wiederholeranteile wegen Nichtversetzung, während Schülerinnen ohne Migrationshintergrund die geringesten Wiederholerquoten haben (Bildungsbericht Bayern, 2012, S. 165).

 

Abbildung 2: Wiederholerquoten nach Geschlecht und Migrationshintergrund


 

Quelle: Bildungsbericht Bayern, 2012, S. 165).

 

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Geschlechtszugehörigkeit kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt dahingehend beantwortet werden, dass insbesondere Jungen mit Migrationshintergrund, die aus bildungsfernen Schichten kommen, die neuen Bildungsverlierer sind. Einschränkend ist jedoch festzuhalten, dass bislang nur wenige weiterführende aussagekräftige Studien mit komplexeren Auswertungsmodellen vorliegen, die detailliert Gruppen mit und ohne Migrationshintergrund in bezug auf Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb vergleichen.

  

Literatur

  • Bergann, S. & Stanat, P. (2010). Mädchen mit Migrationshintergrund. In M. Matzner (Hrsg.) Handbuch Mädchen-Pädagogik (S. 159-172). Weinheim u.a.: Beltz.
  • Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.). Bildungsbericht Bayern, 2012. München: Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung.
  • Klieme, E., Fischer, N., Holtappels, H. G., Rauschenbach, T. & Stecher, L. (2010). Ganztagsschule: Entwicklung und Wirkung. Ergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen 2005-2010. Frankfurt: DIPF.
  • Stanat, P., Rauch, D. & Segeritz, M. (2010). Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. In E. Klieme, C. Artelt, J. Hartig, N. Jude, O. Köller, M. Prenzel,
  • W. Schneider & P. Stanat (Hrsg.). PISA 2009.Bilanz nach einem Jahrzehnt (S. 200- 230). Münster: Waxmann.
  • Stürzer, M., Täubing, V., Uchronski, M. & Bruhns, K. (2012). Schulische und außerschulische Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Jugend-Migrationsreport. Ein Daten- und Forschungsüberblick. München: Deutsches Jugendinstitut.

 

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