Geschlechts- und gendersensibel handeln im Schulalltag

S. Seiler

Aus dem bisher Gesagten zu geschlechtsspezifischen Prävalenzraten von kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbildern lässt sich die Vermutung ableiten, dass sich entsprechende Unterschiede auch für manche Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter finden lassen müssten. Etwa 6-14% der Gesamtbevölkerung sind von einer Persönlichkeitsstörung betroffen (Maier et al., 1992). Forschungen in den vergangenen 2 Jahrzehnten ergaben ein uneinheitliches empirisches Bild, welches teilweise genderspezifische Stereotype wiederspiegelte. So meinte man in verschiedenen Studien festgestellt zu haben, dass Frauen häufiger von Persönlichkeitsstörungen des histrionischen (ICD F60.4) und des dependenten Typs (ICD F60.7) sowie von der Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD F60.31) betroffen sind (vgl. Corbitt u. Widriger, 1995). Männer hingegen seien häufiger betroffen von Persönlichkeitsstörungen des dissozialen (ICD F60.2) und des narzisstischen Typs (ICD F60.8). Dies spiegelt auch den klinischen Eindruck von behandelnden Ärzten und Therapeuten wieder.

Tatsächlich kann als statistisch gesichert nur gelten, dass Männer etwa im Verhältnis 3:1 häufiger von der Persönlichkeitsstörung des antisozialen Typs betroffen sind (Angaben der American Psychiatric Assoziation, 1994). Diese Persönlichkeitsstörung zeichnet sich dadurch aus, dass eigene Bedürfnisse und Ziele auf z. T. rücksichtslose Weise durchgesetzt werden sowie durch eine stark ausgeprägte Spontaneität und einen Mangel an Empathiefähigkeit. Darüber hinaus zeigen Betroffene eine hohe Risikobereitschaft bzw. gering ausgeprägte Angstgefühle, haben einen gering ausgeprägten Bindungswunsch und zeigen eine starke Selbstbezogenheit (vgl. das Circumplexmodell nach Fiedler 2003). Männliche Gefängnisinsassen haben zu etwa 25% eine antisoziale Persönlichkeitsstörung. Diese Geschlechtsunterschiede werden zurückgeführt auf die Wirkung von Testosteron sowie der x-chromosomal lokalisierten Monoaminooxidase-Aktivität bei Männern (vgl. Herpertz, 2005, in: Fortschritte der Neurologie, Psychiatrie). Stark förderlich für ihre Entwicklung ist eine verminderte Erregbarkeit des Gehirns (vgl. oben). Insgesamt spiegelt die antisoziale Persönlichkeitsstörung eine Klischee-Vorstellung genderspezifischen, männlichen Verhaltens wieder, wie sie im gesamten Entwicklungsverlauf beschrieben wird. Zudem ist festzuhalten, dass Kinder und Jugendliche, die von einer Sozialverhaltensstörung betroffen sind (mehrheitlich männlichen Geschlechts), eine deutlich höhere Gefährdung für die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung des antisozialen Typs aufweisen.

Die Hypothese, dass von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung  tatsächlich häufiger Männer betroffen sind, ist aufgrund der aktuellen Forschungslage nicht zu entscheiden.

Als statistisch gesichert kann gelten, dass Frauen häufiger von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen sind. So zeigen klinische Studien (z. B. Akhtar et al., 1986), dass etwa 76% aller in Kliniken behandelten Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung weiblichen Geschlechts sind. Einschränkend muss erwähnt werden, dass andere Studien in etwa gleiche Prävalenzraten für Männer und Frauen in der Gesamtbevölkerung aufzeigen (Grant et al., 2008; Lenzenweger et al. 2007). Kennzeichnend für die Borderline-Persönlichkeitsstörung sind die Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie eine deutliche Impulsivität. Betroffene weisen ein stark erhöhtes Erregungsniveau auf, erleben heftige Wutausbrüche und Aggressionsdurchbrüche, die sich nach innen oder außen richten können in Form von selbstverletzendem oder suizidalem Verhalten sowie in Fremdaggressionen. Hinsichtlich ihres Bindungswunsches zeigt sich eine starke Ambivalenz (vgl. das Circumplex-Modell nach Fiedler, 2003). Auch hier liest sich das klinische Bild der Symptomatik wie ein Klischee bestimmter, als „typisch weiblich“ bezeichneter Verhaltensweisen.

 

 

Literatur

  • Akhtar, S. (1986) Differentiating between schizoid and avoidant personality disorders. In: American Journal of Psychiatry, 143, 1061-1062
  • Fiedler, P. (2003) Integrative Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Hogrefe
  • Grant et al. (2008) Prevalence, Correlates, Disability, and Comorbidity of DSM-IV Borderline Personality Disorder. In: Journal of Clinical Psychiatry, 69(4), 533-545
  • Herpertz, S. (2005) Histrionische Frauen und narzisstische Männer – Rollenstereotypien oder geschlechtsbedingte Unterschiede bei Persönlichkeitsstörungen. In: Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie (2005) (10)
  • Lenzenweger, M.F. et al. (2007) DSM-IV Personality Disorders in the National Comorbidity Survey Replication. In: Biol Psychiatry, 62, 553-654
  • Maier, W. et al. (1992) Prevalences of personality disorders (DSM-III) in the community. In: Journal of Personality Disorders, 6, S. 187-196
 

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