HSU III (Grundschule)

A. Jahreiß, V. Schenk

Mit der Firma „MSO-Schätze“ im Einsatz
Kompass und GPS nach Interessenslage ausprobieren und darüber reflektieren

 

Die Firma „MSO-Schätze“ ist ein fingiertes Unternehmen, das mit Hilfe von Spezialgeräten verborgene Schätze sucht. MSO steht für die Mozartschule in Obernau, einem Ortsteil von Aschaffenburg. Auf deren Schulgelände wurde das folgende Unterrichtsbeispiel mit einer 3. Jahrgangsstufe durchgeführt. Die in eine Rahmengeschichte eingebundene „Schatzsuche“ lässt sich auf jedes andere schulische Freigelände übertragen und auch mit einer 4. Klasse durchführen.

Die Verwendung von Kompass und GPS ist aus einem traditionellen Rollenverständnis heraus „Männersache“ und tatsächlich sind bei den Anwendungsbereichen dieser technischen Orientierungsmittel wie beispielsweise bei der Luft- und Seefahrt oder bei Off-Road-Rennen im Motorsport Frauen (noch) in der Unterzahl. Im Sinne der jüngeren pädagogischen Genderforschung sollten sich Lehrkräfte bei der Planung und Gestaltung von Unterricht aber nicht von vermeintlich geschlechtsabhängigen Arbeitsweisen leiten lassen. Vielmehr gilt es, individuelle Interessen und Bedürfnisse zu berücksichtigen, unterschiedliche Methoden und Techniken, aber auch sich selbst „auszuprobieren“ und über Sichtweisen, Einstellungen und Erkenntnisse zu reflektieren.

Der Unterrichtsbaustein „Mit der Firma MSO-Schätze im Einsatz“ bietet derartige Reflexionsphasen. Die Anwendung technischer Hilfsmittel zur räumlichen Orientierung ist genderneutral arrangiert. Die Schülerinnen und Schüler einer 3. oder 4. Jahrgangsstufe können frei wählen zwischen dem aus vielen Piratengeschichten und der Seefahrt bekannten Kompass als Richtungsanzeiger oder eben dem modernen Navigationssystem mit GPS-Empfänger und digitaler Karte. Die Kinder entscheiden selbst, welches Orientierungsgerät sie testen möchten, um den auf dem Schulgelände versteckten historischen Kirchenschatz (PDF1pdf) zu finden. Deshalb stehen zwei Touren zur Verfügung. Ihre Konzeption lehnt sich entweder an der traditionellen Schnitzeljagd für die „Kompass-Route“ an oder greift die Spielidee der Trendsportart des Geocaching bei der „GPS-Tour“ auf.

 

Planung und Organisation der Touren

Die klassische „Schnitzeljagd“ auf dem Schulgelände oder in die nähere Schulumgebung ist als Methode, den Umgang mit Karte und Kompass zu üben, altbekannt und wird häufig im Heimat- und Sachunterricht der Jahrgangsstufe 4 eingesetzt. Auf eine spezielle Anleitung wird deshalb hier verzichtet. Der bayerische LehrplanPLUS für den Heimat- und Sachunterricht der Grundschule sieht darüber hinaus allerdings auch die Anwendung von Navigationssystemen/GPS vor (https://www.lehrplanplus.bayern.de). Hierfür eigenen sich dann eher GPS-Touren.

Um diese für den Unterricht zu entwickeln und mit Schülerinnen und Schülern durchzuführen, bedarf es einiger Informationen zu Funktionen und Bedienung von GPS-Geräten oder zu Verleihstellen. Des Weiteren sind Kenntnisse über die Spielidee des Geocaching, seiner Varianten sowie über Modifizierungsmöglichkeiten für die unterrichtliche Nutzung oder über verschiedene Organisationsformen bei der Durchführung mit mehreren Teams notwendig. Einen Überblick hierzu verschafft die Handreichung zu GPS-Geo-Touren für Lehrkräfte (PDF2pdf).

 

Freie Wahl: Zwei Routen auf dem Schulgelände

Die einzelnen Stationen werden entweder mit einem GPS-Gerät oder mit dem Kompass angesteuert. Dort angekommen, müssen von den Gruppen „Verstecke“ (Frischhaltebehälter) gefunden werden. Die Boxen beinhalten ein Rätselblatt. Um die Knobel-Aufgaben zu lösen, erkunden die Schülerinnen und Schüler zunächst die unmittelbare Umgebung und/oder wenden ihr im Heimat- und Sachunterricht bereits erworbenes Spezialwissen zur räumlichen Orientierung an (PDF3pdf). Bei der GPS-Tour ermitteln sie über das Rätsel die geographischen Koordinaten für die nächste Cache-Position, geben sie in ihr GPS-Gerät ein, lassen sich die Route berechnen und machen sich auf den Weg zur nächsten Station. Die Kompass-Teams lösen ihr Rätsel, um für das nächste Versteck Angaben zur Anzahl der zu tätigenden Schritte in unterschiedliche Himmelsrichtungen zu erhalten.

 

Insgesamt sind für die Kompass- und für die GPS-Stecke jeweils sechs Frischhaltebehälter versteckt. Am Ende der Tour gibt ein Schild den letzten Hinweis zum „Kirchenschatzes“. In den Boxen liegen in Teamanzahl neben den Rätseln in gleicher Farbe auch Schlüsselkärtchen (PDF4pdf) zum Mitnehmen bereit. Die abgedruckten Schlüsselzahlen verraten am Ende der Tour – in Kombination mit den Farben – den Code für die zwei Zahlenschlösser an der Schatzkiste. Für den „Notfall“ bekommen alle Gruppen sieben versiegelte Briefumschläge mit Fotos der Verstecke. Wer die Rätsel nicht lösen kann, muss das Siegel brechen und erhält eine zweite Chance zum nächsten Standort zu gelangen. Selbstverständlich reduziert sich dann der Anteil am „Kirchenschatz“!

 

Die Arbeitsblätter für die auf dem Gelände der Mozartschule Obernau (PDF5pdf) mit einer 3. Jahrgangsstufe erprobten Schatzsuchen sind beliebig für andere Geländesituationen umschreibbar, lediglich Rätselcodierung, Angaben zu den geographischen Koordinaten und Schrittzählung mit Himmelsrichtungen müssen angepasst werden. Hierfür steht ein Materialien-Paket (PDF6pdf) zum Ergänzen der Daten in den Vorlagen zur Verfügung.

 

Kompetenzerwartungen und Inhalte

Der Lehrplan für den Heimat- und Sachunterricht weist für die Jahrgangsstufen 3/4 folgende Kompetenzerwartungen und Inhalte aus:

Lernbereich 5 „Raum und Mobilität – 5.1 Räume wahrnehmen und sich orientieren“ (HSU)

„Kompetenzerwartungen:

Schülerinnen und Schüler …

  • verwenden natürliche (z.B. Sonnenstand, markante Punkte) und technische Hilfsmittel (z.B. Kompass, Navigationsgeräte, GPS) zur Orientierung in Räumen.
  • lesen Karten und berücksichtigen dabei zentrale Kartenmerkmale (z.B. Höhendarstellung, Maßstab, Kartenzeichen und Legende, Generalisierung, Nordung).
  • reflektieren das Verhältnis von Wirklichkeit und ihrer Darstellung auf Karten oder Plänen und beschreiben dieses als von Menschen zu bestimmten Zwecken konstruiert.
  • (…).

Inhalte zu den Kompetenzen:

  • Himmelsrichtungen
  • unterschiedliche Karten (z.B. topographische und thematische Karten) und ihre Merkmale
  • (…)“

Lernbereich 1 „Demokratie und Gesellschaft – 1.1 Zusammenleben in Familie, Schule und Gemeinschaft“ (HSU)

„Kompetenzerwartungen:

Schülerinnen und Schüler …

  • hinterfragen Rollenklischees für Mädchen und Buben und akzeptieren die Vielfalt von Interessen, Stärken und Handlungsmöglichkeiten aller Kinder.
  • (…).

Inhalte zu den Kompetenzen:

  • persönliche Interessen und Gemeinwohl
  • (…)“

Quelle: https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/grundschule/3/hsu

 

 

Unterrichtssequenz mit gendersensiblen Reflexionsphasen

Die zwei Touren mit Kompass und GPS stehen am Ende einer längeren Unterrichtssequenz zur Entwicklung räumlicher Orientierungskompetenz (PDF7pdf). Sie werden mit einer Reflexionsphase eingeleitet, in der die Schülerinnen und Schüler geschlechtsunabhängig über ihre Interessen an unterschiedlichen Methoden und Techniken der räumlichen Orientierung nachdenken. Wie bei einer Punktabfrage ordnen die Kinder anschließend kleine Kärtchen mit ihren Namen an der Pinnwand den zwei Orientierungsmitteln Kompass und GPS zu und wählen somit das Gerät, das sie für die Schatzsuche verwenden möchten. Die Visualisierung dieser individuellen Entscheidung liefert die Grundlage für die Gruppeneinteilung zur Schatzsuche. Gleichzeitig dient sie dazu, die Nachbereitungsphase einzuleiten. Hier haben die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie hinterfragen, ob die gewählte Methode für sie persönlich „stimmig“ war und inwiefern sie auch gerne die andere Technik testen würden. Neben der Artikulation der eigenen Bedürfnisse oder Erwartungen fließen weitere Aspekte wie beispielsweise die Vor- und Nachteile der zwei Orientierungsmittel ein (PDF8pdf).

 

Möglichkeiten der Weiterführung

Besonders für Schülerinnen und Schüler, die während der Schatzsuche ihr Interesse an Technik und kniffligen Aufgaben entdeckt haben, kann der vorgestellte Unterrichtsbaustein „Die Suche nach dem Kirchenschatz“ als Anstoß zu einem Projekt dienen, bei dem Kinder selbst GPS-Geo-Touren oder Kompass-Schnitzeljagden (auch in Kombination) in die nähere bzw. erweiterte Schulumgebung entwickeln. Sie lassen sich begabungsbezogen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, zu unterschiedlichen Themen oder für verschiedene Interessens- und Altersgruppen (z.B. für Kinder, die am Schulort Urlaub machen oder im Rahmen einer Schulpartnerschaft zu Besuch sind) konzipieren. Vor allem bieten sie immer wieder Zeitfenster zur geschlechtsneutralen Reflexion und führen zu Handlungsimpulsen, die das Leben in der eigenen Region bereichern. Anregungen zur Umsetzung liefert der Artikel „Auf der Suche nach dem Welterbeschatz. Eine GPS-Geo-Tour durch die Altstadt Bamberg, gendersensibel arrangiert“

 

 

Literatur

Hierzu sei auf die Auflistung am Ende der Handreichung zu GPS-Geo-Touren für Lehrkräfte (PDF2pdf) und die Angaben bei den Unterrichtsmaterialien verwiesen.

 

Unveröffentlichte Beiträge

JAHREIß, A. (2015): GPS-Geocaching und Co. Kompetenzorientierter Heimat- und Sachunterricht in der Jahrgangsstufe 3/4. Vortrag und Workshops zu den Themenblöcken (1) Funktionsweise von GPS und Geocaching, (2) Planung kompetenzorientierter GPS-Geo-Touren, (3) Beispiel Geocaching im Akademiehof (Akademieschatz) und (4) Beispiel GPS-Geo-Tour durch die Altstadt Bamberg. Lehrgang an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung: HSU-Expertenausbildung zum LehrplanPLUS Grundschule, Kurs 3: Geographische Kompetenzen, 16.11.-20.11.2015. Dillingen 2015.

 

SCHENK, V. (2017): Förderung der räumlichen Orientierungsfähigkeit auf der Grundlage ausgewählter technischer Hilfsmittel. Heimat- und Sachunterricht, 3. Jahrgangsstufe. Schriftliche Hausarbeit zur zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Grundschulen. Aschaffenburg 2017.

 

Links

https://www.lehrplanplus.bayern.de (19.06.18)

https://gendersensibel-unterrichten.alp.dillingen.de/index.php/unterricht/unterrichtsbeispiele/gw-bereich/110-geographie-gym (19.06.18)