Latein II

 

Lektüreunterricht in der Jahrgangsstufe 10

J. Schlagbauer, B. Korda

Der bayerische Lehrplan Latein nennt sowohl für die Jahrgangsstufe 9 mit dem Themenblock 9.2 Liebe, Laster, Leidenschaft als auch für die Jahrgangsstufe 10 mit dem Themenblock 10.2 Metamorphosen die verpflichtende Lektüre des römischen Dichters Ovid.

Mag die Lektüre lateinischer Dichtung im Original den Schülerinnen und Schüler einen nicht sofort leichten Zugang bieten, so können doch durch die Auseinandersetzung mit den Inhalten hochaktuelle Bezüge zur Welt der Jugendlichen hergestellt und die Schülerinnen und Schüler zur Beschäftigung mit den Inhalten motiviert werden.  

Niklas Holzberg (Holzberg, N. 2005) fasst das heutige Interesse am Autor Ovid so zusammen:

„Woher rührt diese noch gegen Ende der siebziger Jahre des 20.Jahrhunderts nicht zu ahnende Popularität eines antiken Autors? Es ist doch gerade unsere Zeit, die eigentlich kaum noch etwas mit den griechischen und römischen Klassikern anfangen kann, nicht zuletzt weil sie endgültig nicht mehr bereit ist, das mit der Wertschätzung dieser Autoren in der Regel verbundene Bildungsideal des Humanismus als das nach wie vor höchste zu betrachten. Aber es ist anscheinend eben nicht etwas spezifisch Antikes, das heutige Leser Ovids fasziniert. Denn auffallend häufig stellen seine Erklärer die Behauptung auf, er sei ausgesprochen modern. In der Tat entdeckt man in Ovids Werken auf Schritt und Tritt eine über zwei Jahrtausende erstaunlich gut erhaltene Frische der Artikulation von Kritik oder zumindest Zweifel an einigen gemeinhin als konservativ und insofern als unmodern geltenden Wertvorstellungen. Wenn beispielweise eine aus den Versen dieses Dichters zu uns sprechende Stimme – sei es die des poetischen Ich oder die einer anderen Person – eine sehr entschiedene Abneigung gegen das Kriegshandwerk mit der Lebensphilosophie des make love, not war verknüpft, liegt es nahe, daß man sich an inhaltlich verwandte ‚progressive‘ Texte  unserer Zeit erinnert fühlt. Oder wenn bei Ovid von der Darstellung einer Frau, die unter dem Mißbrauch von Macht und Stärke durch einen Mann zu leiden hat, ein auch heutige Leserinnen besonders eindringlich ansprechendes Identifikationsangebot ausgeht."  

Auch wenn im Lateinunterricht der Jahrgangsstufen 9 und 10 bei drei Wochenstunden die zeitlichen Möglichkeiten einer tiefergehenden Interpretation ebenso begrenzt sind, wie sich gleich mit einer ganzen Reihe von Gedichten oder mehreren Metamorphosen auseinanderzusetzen, so sollte die Lektüre dennoch nicht auf eine reine Übersetzung eines Kanons von Gedichten oder höchstens zwei Metamorphosen beschränkt werden.  

Ovids Ars amatoria bietet ebenso wie die Metamorphosen gerade für 15- bis 16-jährige Jugendliche interessante Inhalte, mit denen sie sich selbst in hohem Maß identifizieren können. Es sind erste Erfahrungen in der veränderten Wahrnehmung des anderen Geschlechts, Erfahrungen in Sachen Liebe, Liebeskummer, der richtige Zugang zum und Umgang mit dem anderen Geschlecht, die die Jungen und Mädchen in diesem Alter bewegen.   

Die Tatsache, dass Ovids Dichtung mit einer genderfokussierenden Perspektive analysiert wird, bedeutet nicht, dass die jeweiligen Lektüreblöcke allein auf dieses Thema reduziert werden müssen. Jedoch wird die Lektüre Ovids von den Schülerinnen und Schülern als umso interessanter oder auch aktueller wahrgenommen, je mehr Bezüge zu eigenen Erfahrungen, zu persönlich wichtigen Themen hergestellt werden können.  

Die Dichtung Ovids ist für den Lateinunterricht von heute und insbesondere für die nächsten Schülergenerationen ein großes Pfund, das auch entsprechendes Gewicht im Lateinunterricht haben sollte. Ein auf der Ebene der reinen Übersetzung verharrender oder einen allzu hochphilosophischen Interpretationsansatz favorisierender Unterricht vergäbe viel von dem Potenzial, das die lateinischen Dichter und Schriftsteller an existentiellen und überzeitlichen Themen bieten könnten.

Ovid bietet in seiner Dichtung gerade für diese Themen wichtige und einfache Anknüpfungspunkte – die Schülerinnen und Schüler über das Weltbild des Pythagoras, über den Mythos und Ursprung der Welt aufzuklären, mag Teil der Lektüre sein, wird jedoch die Schüler nicht in der Weise mitnehmen und persönlich berühren wie vielleicht eine subjektiv berührende Annäherung an die Inhalte.  

Es liegt größtenteils in der Hand der Lateinlehrkräfte, hier durch entsprechende Schwerpunktsetzungen die Lektüre interessant und ansprechend zu gestalten und damit auch einen positiven Gesamteindruck des Lateinunterrichts in der Mittelstufe insgesamt bei den Schülerinnen und Schülern zu erwirken. Nicht selten legen die Schülerinnen und Schüler Latein nach der Jahrgangsstufe 10 ab oder ersetzen es durch eine spätbeginnende moderne Fremdsprache, da sie keinen persönlichen Zugewinn durch die Auseinandersetzung mit den oft so fremd wirkenden Inhalten erkennen, keine aktuellen Bezüge des Stoffs sie an das Fach binden.  

Die im Folgenden vorgestellten Interpretationsansätze stellen Möglichkeiten vor, wie sich die Schülerinnen und Schüler im Lateinunterricht mit Genderaspekten auseinandersetzen können.

Hierbei geht es weniger darum, wie die Lehrkraft die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen im Lateinunterricht adäquat berücksichtigt, sondern in der Jahrgangsstufe 10 liegt das Augenmerk auf einer Sensibilisierung der Jungen und Mädchen für das Thema durch eine genderfokussierende Interpretation der Dichtungen Ovids.

 

Unterrichtsmaterial:

Die Lektüre der Metamorphosen PDF

Die Interpretation von Apoll und Daphne PDF

  

Angeregt wurde dieser Interpretationsansatz vor allem durch die Lektüre des folgenden Aufsatzes:

Brown, S. P., Roy, P. A. (2007). A Gender-Inclusive Approach to English/Language Art Methods. Literacy With a Critical Lens. In: Gender in the Classroom. Foundations, Skills, Methods, and Strategies Across the Curriculum. Edited by Sadker D. M. and Silber E. S. (London 2007). S. 165 - 199.

 

 

 

Literatur

 

Holzberg, N. (2005): Ovid. Dichter und Werk. München. S.12.